An Schengens Rand

Berichte von Roselies ­Haider und Mira Palmisano aus Velika Kladuša
23. May 2019, 19:00
RHIZOM homebase, Annenstraße 52, 8020 Graz

Velika Kladuša, Bosnien-Herzegowina
260 km von Graz. Das steht fest. Von der Karte ablesbar.
3 Stunden und 24 Minuten mit dem Auto. 54 Stunden zu Fuss.
Von Graz nach Velika Kladuša. Je nach Staulage, Schrittlänge, ­Fahrgeschwindigkeit. Kalkulierbar. Zusammenzählbar.
Der Logik von eins und eins ist zwei folgend.
Aber ist es von Velika Kladuša zurück gleich weit?
Das wäre logisch.
Ist es aber nicht. Es kommt darauf an wer fährt. Es kommt darauf an wer da geht. Welchen Pass du hast. Ob du einen hast. Welche Haut­farbe? Gehst du als Europäer*in durch? Hast du Geld? Kannst du dir geschleppt werden leisten? Hast du einen Ort, an dem du sicher bist?
Zwischen Graz und Velika Kladuša liegen 3 Grenzübergänge. ­Bosnien-Kroatien, Kroatien-Slowenien, Slowenien-Österreich. Der Grenzübergang zwischen Bosnien und Kroatien ist Schengen`s Rand und damit für viele das Ende der Welt. Wo viele dachten irgendwo hinzukommen, hoffnungsvoll, fallen sie hier über die Ränder, und wenn sie unten aufschlagen, sind sie wieder oben ­angekommen. Stehen wieder am selben Rand.
Diese drei Grenzen. Kein Mensch, kein Tier würde sie wahrnehmen. Vor der Grenze gibt es Strassen und Bäume und Wiesen und Häuser. Und nach der Grenze? Wieder Strassen und Bäume und ­Wiesen und Häuser. Trotzdem spannt sich über jeder Person, die passieren will, eine durchsichtige Membran. Die Aussenhaut der westlichen Welt – Schutzschichten einer ressourcenfressenden Hydra.
Semipermeabel.                            

(Text: Roselies ­Haider und Mira Palmisano)

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