Seiten einer Medaille – Westnicaraguas CKD (Chronische Niereninsuffizienz)-Epidemie im Dialog der Weltbank

von Milo Strauss im Rahmen des Projektes desde aquí. von hier aus.

1. November 2020 – 31. December 2021

Der Text basiert auf „Epidemie im Dialog. Soziale Unternehmensverantwortung im Kontext der nicaraguanischen Zuckerindustrie.“ (Masterarbeit an der Universität Wien, 2019) und wurde dem Kollektiv RHIZOM im Rahmen des Projektes desde aquí. von hier aus. 2020/21 zur Verfügung gestellt.

desde aquí. von hier aus ist eine Entwicklungsgeschichte zwischen RHIZOM ­kollektiv mit dem Kollektiv VEINTI3 in Nicaragua/Costa Rica/Honduras. Seit 2010 werden lokal-globale Zusammenhänge, wie die Vergiftung der Bananenarbeiter*innen in Chinandega mit dem Pestizid Nemagón (United Fruit Company/DOLE), das nicaraguanisch-chinesische Kanalbauprojekt „gran canal interoceanico nicaragua“ zwischen Pazifik und Atlantik und ­andere brennende Fragen die sich im Diskurs zwischen Norden und Süden und umgekehrt auftun, thematisiert. Mit der Veröffentlichung dieses Textes soll inhaltlich ein Kreis geschlossen werden, der in ­Nicaragua begonnen hat und nun wieder zurückführt.

Einleitung

Chronische Niereninsuffizienz – CKD ist eine unheilbare Krankheit, deren zentrales Merkmal ein gradueller Verlust der Nierenfunktionen ist. Der Fortschritt der Krankheit wird in Stufen beschrieben, die sich nach Abnahme der Filtrationsleistung der Nieren richten. Der Verfall der Nierenfunktionen führt zu einer Konzentration von Giftstoffen im Blut und zu einem Zusammenbruch des körperlichen Flüssigkeitshaushaltes. Erkrankte leiden in dieser Phase an Übelkeit, Schmerzen und Bluthochdruck. In seiner letzten Stufe führt CKD zu akutem Nierenversagen, nach dem PatientInnen nur mehr durch Dialyse oder eine Nierentransplantation am Leben erhalten werden können.

Im Mai 2014 stand ich vor einer Hauswand in Chichigalpa im Westen Nicaraguas, auf die jemand mit roter Farbe „Wir sind CKD“ geschrieben hatte. Es war schwül und ich war verwirrt: „CKD“ war hier allgegenwärtig, aber dennoch redeten die meisten Leute nicht gerne darüber. Taten sie es doch, widersprachen sie einander in jedem wichtigen Punkt: ein paar hundert Kranke habe es gegeben, maximal – nein, die Hälfte aller Männer habe es schon, tausende Tote hätte es seit den 90ern gegeben. Man wisse nichts über den Krankheitsverlauf – nein, die Krankheit würde sich immer weiter verbreiten und immer rascher voranschreiten. Die Arbeitsbedingungen auf den Plantagen seien schuld – nein, die Ursachen seien ein Mysterium, das weltweit einzigartig sei. Wenige Monate zuvor waren bei Demonstrationen vor den Toren des lokalen Zuckerproduzenten NSEL ein Arbeiter getötet und ein Jugendlicher schwer verletzt worden, und die Stimmung war aufgeheizt. Das äußerte sich nicht nur in den Sprüchen an den Hauswänden, sondern auch in den Gerüchten und Verdächtigungen, die jedes Gespräch über die Krankheit begleiteten. Die das Unternehmen für die Krankheit verantwortlich machten, seien Betrüger – die es verteidigten, korrupte Kollaborateure. Es sei kein Zufall, dass die Sargmacher die schönsten Geschäfte der Stadt hätten – „schau sie dir an, dann siehst du, dass es zu viele Tote gibt.“ NGOs erzählten von „falschen Freiwilligen“, die sie ausspionieren würden, und von Intrigen, um sie des Landes zu verweisen.

Ich war damals nach Chichigalpa gekommen, um über die politische Selbstorganisation von Arbeitern zu Gesundheitsthemen1 zu schreiben. Dass ich in meinen Gesprächen nicht vorankam, zwang mich auf einen Umweg, und ich begann zu lesen: über die PlantagenarbeiterInnen der Welt und ihre Krankheiten, über die Wirtschaftsgeschichte Nicaraguas, über Chichigalpa und das Wirtschaftsimperium der Pellas-Dynastie, das mit der Gründung von ­Nicaragua Sugar (Nicaragua Sugar Estates Ltd. – NSEL) im Jahr 1890 seinen Anfang genommen hatte. Und ich war abermals verwirrt: obwohl Nicaragua Sugar, der wichtigste Arbeitgeber der Region, öffentlich beschuldigt wurde, für die CKD-Erkrankungen in Chichigalpa verantwortlich zu sein, fand ich zunächst keine öffentliche Äußerung des Unternehmens, die darauf hinwies, dass dieses sich in einer Kontroverse befinden könnte, in dem ihm tausende CKD-Tote zur Last gelegt wurden. Im Gegenteil: nach Auskunft des Unternehmens befände man sich mit den VertreterInnen der CKD-kranken Bevölkerung in einem erfolgreichen, ­äußerst fruchtbaren Dialog und stünde zudem kurz davor, das Problem der Epidemie zu lösen und ihre Ursachen aufzuklären. Das war, dachte ich, ein spannender Widerspruch: auf der einen Seite die roten Parolen auf den Wänden und Straßenschildern, das Geraune von den ­Toten, die polierten Särge in den Auslagen – auf der anderen Seite Nicaraguas Vorzeigeunternehmen, auf dem Weg zu einem weiteren Erfolg, und ein „Dialog“ dort, wo ich nur Polarisierung, Misstrauen und Konflikt wahrnehmen konnte.

Der vorliegende Artikel präsentiert einige Antworten auf diesen Widerspruch. Ich erzähle darin einen kleinen Teil der langen Geschichte von Chichigalpas CKD-Epidemie, und ich erkläre, wie Corporate Social Responsibility-Initiativen und Mediationsprogramme erfolgreich sein können, während um sie die Katastrophe wütet.

Fortsetzung des Artikels als pdf
Der ganze Beitrag als pdf zum ausdrucken

Involved
Supported by

Kulturabteilung des Landes Steiermark
Kulturamt der Stadt Graz

Komm süßer Tod, Wand-Objekt (Zucker, Rum, auf runder Tischplatte, Kerzen), Gewidmet den Arbeiter*innen auf den Zuckerrohrplantagen von Flor de Caña, Leo Kreisel-Strausz, 2013